Die Aurum aus Klang + Ton


Nach einigen Jahren der Abstinenz juckte es mich endlich mal wieder in den Fingern einen Lautsprecher zu bauen. In den achzigern und neunziger Jahren sind einige Projekte entstanden, vom kleinen Monitor über die ausgewachsene Standbox bis hin zum Basshorn wurde alles realisiert, was mir unter die Finger kam und bezahlbar blieb. Wir, Peter und ich, haben viel ausprobiert und auch vieles, was von der einschlägigen Presse als highendig angepriesenes wurde, ad acta gelegt.

Man muß nicht jeden Trend mitmachen, doch einige Perlen bleiben bis heute in Erinnerung. Die AVM Monoblöcken, die JBL 4430 ("Negerlippen", sorry, wenn jemand welche verkaufen möchte, ich hätte Interesse), die Revox B77MKII, die Dual ULMs, die Sansui Tuner...

Doch zurück in die Gegnwart.

Das Pflichtenheft war schnell geschrieben.
Ich brauchte kein ultralieneares Messgerät, aber die Box sollte eine möglichst umfangreiche Bühne abzeichnen und die Stimmung und Dynamik einer guten Aufnahme wiedergeben können.
Auch wollte ich nicht die x-beliebige "sechswändepackdreichassiesrein-glücklichsein" Box bauen.

Und dann kahm im November 2011 die Erleuchtung. Die neue Klang und Ton lag in Peters Briefkasten. Ein Bassreflexgehäuse um den kultigen Viston BG20 mit Hochtonunterstützung duch ein "low-budget-Monacor-Dayton-Horn, konstruiert Ronald Waßen.
Der Lautsprecher wird im Klang + Ton-Forum ausgiebig diskutiert und der Meister Himself ist dort vertreten und steht der Hifi-Gemeinde ausführlich Rede und Antwort.
Beim Bau habe ich mich sehr nah am Originalvorschlag von Herrn Baske gehalten, die Dämmung aus Kostengründen etwas variiert und das Design in Deteils angepasst.

Parallel zum Bau über mehrere Monate ist dann auch diese Homepage entstande. Vielleicht hat ja der eine oder andere Leser Spaß an meiner Lektüre oder ich kann sogar jemanden zum Nachbau ermutigen.





I. Die Rohgehäuse

Es fing alles mit zwei ca. 2x3m großen 18mm Multiplexplatten an, welche auf die passenden Maße geschnitten werden mussten. Natürlich kann man die Zuschnitte bequemer fertig im Baumarkt oder beim Schreiner erwerben, doch erstens war es so günstiger und zweitens hat es für mich einen gewissen Reiz, im Nachhinein wirklich alles selbst gefertigt zu haben.

Das Rohgehäuse entsteht    Das Rohgehäuse entsteht

Die Rückwände sind abweichend zu Anleitung nicht aus 27mm Multiplex entstanden, sondern wurden aus zwei 18mm-Platten aufgedoppelt. Das Hochtongehäuse bekam Gehrungskanten, alle Stöße sind mit klassischen Flachdübelrverbindungen versehen. Dass TMT-Gehäuse habe ich stumpf verleimt, da man an der fertigen Box ohnehin die Oberseite nicht mehr sehen kann. Im ersten Arbeitsschritt entstanden die Gehäuse ohne Fronten, die Hochtoneinheit sogar ohne Rückwand.
Dabei haben sich wieder einige meiner Lieblings-Lowbudgtwerkzeuge bewährt; Ratschenspanngurte mit Winkelecken, welche man für ein paar Euro im Baumarkt bekommt.


Das Rohgehäuse entsteht    Das Rohgehäuse entsteht    Das Rohgehäuse entsteht    Das Rohgehäuse entsteht
Das Rohgehäuse entsteht    Das Rohgehäuse entsteht    Das Rohgehäuse entsteht




II. Die Bedämpfung

In der Originalversion wird Damping30 für die Bedämpfung der Wände empfohlen, wobei es sich um einen 30mm dicken, recht dichten Wollfilz mit selbst klebender Rückseite handelt. Dieser ist aber leider nicht ganz günstig, so dass der Entwickler bei der Suche nach einem Ersatzstoff auf graue Polster-Watte gestoßen ist. Diese wird von der Firma Polstereibedarf-Online in 10mm dicken Bahnen angeboten.
Ich habe sie mittels dem auch dort angebotenen Sprühklber auf 30mm aufgedoppelt und auch im Gehäuse verklebt. Sie kostet nur einen Bruchteil von Damping30 und kommt diesem recht nahe.
Die genau Bezeichnung lautet:
Geleimte Graue Polster Watte 120 cm x 80 cm 600 g/m² 10mm
Bild 2.1: Lieferzustand
Bild 2.2: Aufdoppeln auf 30mm mittels Sprühkleber
Bild 2.3: Das bedämmpfte Gehäuse. Mit der Bedämpfung bin ich erst 25mm hinter der Vorderkante angefangen, so dass die Bedämpfung der fertig beklebeten Frontplatte bei der Montage vor diese stößt. Erfahrungsgemäß ist das einfacher, als hinterher die Bedämpfung der fertig eingeleimten Frontplatte noch zwischen die Bedämpfung der Seitenwände führen zu müssen.


Bild 2.1    Bild 2.2    Bild 2.3    Bild 2.2    Bild 2.2




III. Der Umbau des BG20

Am BG20 stehen zwei Maßnahmen an, die Montage des Kompensationsmagneten und das Entfernen des Schwirrkonusses.

Der Konus lässt sich recht gut mit einem scharfen Skalpell entfernen (Bild 3.2 und 3.3). Dazu von oben mit kleinen Schnitten so lange diagonal in Richrung Sicke schneiden, bis man an die Klebenaht stößt. Spürt man den erhöhten Widerstand, kann man daran sehr gut dem Umfang folgen, bis der Konus entfernt ist. Dabei ist es natürlich wichtig nur sehr flach in den Konus einzustechen, um die Membrane nicht zu beschädigen.

Bevor der Magnet aufgeklebt werden kann müssen der Aufkleber des BG20 und dessen Klebeschicht entfernen werden . Der Aufkleber kann, z.B. mit einem Stechbeitel, abgeschabt werden und die Klebeschicht lässt sich recht einfach mit Bremsenreiniger anlösen.
Nun den Magnet langsam Richtung BG20-Magnet führen. Wenn der Kompensationsmagnet erst abgestoßen wird, ca. 1cm vor der Planfläche des BG20-Magneten dann aber angezogen, ist die Ausrichtung korrekt. Spürt man hingegen sofort eine Anziehungskraft, muss der Kompensationsmagnet gewendet werden.
Abschließend wird der Magnet mittels Zweikomponentenklebers fixiert.


Aurum 3.1    Bild 3.2    Bild 3.3
Bild 3.4    Bild 3.5    Bild 3.6




IV. Montage und Modifikation des Hochtöners

Die erste Hürde bei der Modifikation der Treiber war die Beschaffung des Dämmstofes in der Sanitärabteilung eines örtlichen Baumarktes. Nach dem Einkauf musste ich zu Hause lernen, dass "Mit beschichteter Rückseite zur Verklebung" nicht bedeutet, dass auch schon eine Klebeschicht vorhande ist,sonder nur, dass eine Trägerfolie aufgebracht wurde.Ich habe dann vor dem Zuschnitt der Filzstücke Teppichklebeband aufgeklebt.

Im ersten teil der Modifikation wird das Gitter vor der Treiberöffnung entfernt. Den Kunststoffring mit einem Schraubendreher abhebeln und dann vorsichtig das Gitter aufbiegen und abheben. Wir haben bei dieser Arbeit permanen einen Staubsauger als Absaugung eingesetzt, damit auf kenem Fall Material in den Treiber fallen kann.

Aurum 4.1    Bild 4.2    Bild 4.3    Bild 4.3

Nun folgt die Bedämpfung der Treiberkammer. Die Rückwand lösen und senkrecht abheben ohne die Spule im Lustspalt zu verschieben. In unseren Deckeln waren noch recht große Grate von der Produktion vorhanden. (Bild 4.7 und 4.8) Diese mit einem Schaber entfernen und gut säubern.
Nun den Filz einkleben und das Gehäuse wieder montieren.

Aurum 4.5    Bild 4.6    Bild 4.7    Bild 4.8
Aurum 4.9

Bervor die Hörner auf die Treiber geschraubt werden, wird eine Wurst aus dauerelastischer Dichtmasse auf das Ende des Treiberhalses gebracht (Bild 4.10).
Diese dient nach der Montage der Hörner zum Ausgleich der Stufe zwischen Treiber und Horn. Es geht ganz gut, wenn man die Wurst von außen mit einem etwas dickeren Lackstift formt.
Da diese Lösung zwar technisch wohl ausreichend, optisch aber nicht sonderlich ansprechend ist, werden wir uns da wohl noch etwas anderes einfallen lassen müssen.

Bild 4.10    Bild 4.11    Bild 4.12    Bild 4.13


Update

Die sehr unansehnliche Ausgleichsmasse wurde entfernt und durch einen Aluring ersetzt. Dieser wurde an die recht unterschiedlichen Innenmaße des Horns angepasst.
Der auf dem Bild ersichtliche Luftspalt zwische Horn und Aluring wirkt auf dem Bild wesentlich größer als in Wirklichkeit, er ist mit dem bloßen Auge kaum ersichtlich. Eine Messung muss noch zeigen, ob diese Variante akustisch der "Dichtmassenvariante" ebenbürtig ist. Optisch gefällt mir auf jeden fall wesentlich besser.

Bild 4.20    Bild 4.21    Bild 4.22    Bild 4.23

Kontollmessung

Auf Bild 4.30 ist der Frequenzgang der beiden Hörner zu sehen wie er sich ergibt, wenn der Übergang vom Treiber zum Horn mittels Dichtmasse ausgeglichen wird.

Bild 4.23 - Dichtmasse




V. Die Weiche

Hier habe ich mich für die Montage auf einem Holzbrett mit direkter Verdrahtung entschieden.
Diese Methode hat nicht nur den Vorteil der kürzesten Signalwege, sondern man kann zusätzlich die Spulen in verschiedenen Ausrichtungen montieren.
Messungen haben gezeigt, dass unter den Spulen eine gegenseitige Beeinflussung durch die von den ihnen erzeugten Magnetfelder entsteht. Ordnet man sie nun so an, dass die Magnetfelder nicht im energiereichsten Bereich der Nachbarspule liegen, kann man diese Wechselwirkung minimieren.

Als Masseschinen dienen die Adern aus handelsüblichen 2,5mm² NYM-Leitungen.



Bild 5.1    Bild 5.2 - Der MHT-Zweig    Bild 5.3 - Der MHT-Zweig    Bild 5.4 - Der MHT-Zweig




VI. Die Füße - der sichere Stand

Die Füße sind höhenverstellbar, um einen kippelfreien Stand auch auf unebenen Böden sicherzustellen. Ein M16-Gewindestift ist in die Grundplatte der Füße eingeschraubt. Mit einem scharfen HSS-Gewindebohrer kann man sehr gut Gewinde in Multiplex schneiden.
Die obere Mutter ist mit dem Gweindestift verklebt und dient als Handrad zur Justage, die untere Mutter dient als Klemmung um einen festen Stand zu gewärleisten.



Fertigungszeichnung Fuss    Zeichnung als PDF herunterladen
Fertigung der Füße   Fertigung der Füße   Fertigung der Füße   Fertigung der Füße   Fertigung der Füße  




VI. Hörtests

04.04.2013 - Der erste Hörtest
Der erste Hörtest ist sehr ernüchternd. Die räumliche Bühne ist nicht vorhanden, weder in der Tiefe noch in der Breite. Alles kommt aus einem diffusen Fleck, mittig zwischen den Lautsprechern. Weder Feinzeichnung noch Transparenz sind vorhanden. Dafür merkt man den Chassis ihre eigentliche Bestimmung, den PA-Bereich, an. Sehr viel harter Bass und aufdringliche Höhen.
Man muss aber auch sagen, dass sie noch nicht fertig sind. Als Füße dienen ein paar Dachlatten, die Chassis sind noch nicht eingespielt, das Hochtongehäuse ist noch nicht befüllt, die Weichen sind provisorisch verlötet, ein Brett liegt zwischen den Gehäusen und ein recht schlichter, alter Denen dient als Verstärker für erste Tests.


Carstens Aurum    Carstens Aurum    ;Carstens Aurum ;   Carstens Aurum    Carstens Aurum   

08.07.2013 (ca. 30 Stunden Einspielzeit)
Irgend etwas läuft ganz übel falsch. Es stellt sich zwar ein sehr deteilreicher, gut durchhörbarer Bass ein, doch die Mitten und Höhen sind bestenfalls grausam. Guter Rat ist gefragt.


12.07.2013 (ca.50 Stunden Einspielzeit)
Es tut sich etwas. Stimmen bekommen langsam die gewünschte Feinzeichnung, sogar etwas Transparenz ist vorhanden.
Allerdings ist das Klangbild noch weit von dem entfernt, was ich erwartet habe. Nach wie vor ist kein Bünenbild vorhanden.
Geduld und Einspielzeit sind gefragt.


13.07.2013
Die Füße sind bis auf die Arretiermuttern fertig. Nun fehlt eigentlich nur noch die Sandbefüllung des Hochtongehäuses.
Allerdings überlege ich das Projekt "Aurum" zu entsorgen. Das Ergebnis ist weit unter den Erwartungen geblieben. Vielleicht sollte man von einem Low-Budget-Projekt einfach nicht zu viel erwarten.
Heute haben wir bemerkt, dass die Membranen der BG20-Chassis sich unterscheiden. Die eine ist eher gräulich, rauh und klingt beim anschlagen recht hoch. Die andere ist schwarz, glatter und klingt tiefer. Besteht nun ein Produktionsfehler oder ist das unter "Serienstreuung" zu verbuchen. Ich werde mal Visaton kontaktieren.
Auf den folgenden Bildern kann man den Unterlied erkennen.

Direkter Vergleich:
Links gräulich und höherer Ton, rechts schwarz und tieferer Ton beim leichten anklopfen mit der Hand.
Direkter Vergleich

15.07.2013
Man merkt deutlich, dass sich die Lautsprecher mit zunehmender Spielzeit zum Positiven verändern. Hoffnung kommt auf.

02.08.2013
Wir haben die Impedanzkorrektur für Röhrenverstärker, so wie im Forum vorgestellt, ausprobiert.
Ergebnis: Ein Betrieb an Röhrenverstärkern ohne macht keinen Sinn, ohne klingt es einfach falsch.

14.08.2013
Vor ein paar Tagen erreichte mich eine Mail von Herrn Wassen mit einigen Tipps zu Korrektur und Verbesserung meiner Aurums, welche ich nun nacheinander durchführe.

1.Die Rollen hinter den TMTs wurden so gedreht, dass man duch die Gehäuseöffnung nun auf die Seite der Rollen sieht, sprich die Wicklung sieht.
Ergebnis: Minimale Änderung im Mitteltonbereich, Stimmen wirken etwas weniger angestrengt. Wirklich nur minimal.

2.Die Spikes haben Kontermuttern als Arretierung bekommen, ein großer Schritt in die richtige Richtung. Das Klangbild wird wesentlich aufgeräumter und Musiker sind besser ortbar. Der Bass ist strammer und schlanker geworden

20.02.2014
Es ist mir schon mehrfach aufgefallen, dass die Aurum recht empfindlich auf verschiedene Kabel reagiert. Heute hatte ich durch einen Bekannten die Möglichkeit, das vor einigen Jahren in der Stereoplay vorgestellte Selbstbaukabel, auf Basis des RG214 zu, zu testen.
Das passt.
Das Klangbild wird etwas spritziger und die Mitten werden etwas dominanter, ohne die Höhen zu vernachlässigen.

07.06.2014
Carstens Aurum    ;Carstens Aurum ;  
Die Hochtongehäse haben eine verschraubbare Rückwand bekommen und wurden neu verkabelt.



Resümee:

Ich betreibe die Aurums momentan an der kleinen Eigenbauröhre, die RG214 sind bestellt und werden noch in die Kette eingegliedert.
Das Projekt "Aurum" ist bis auf die Befüllung der Hochtonkammer mit Sand für mich abgeschlossen.


Nach einigen Monaten des ausführlichen Hörens hat sich noch einiges getan.
Die BG20 spielen freier, als ob man die Bremse gelöst hätte. Es ist eine tolle Kombination für Freunde der Livemusik, bei guten Aufnahmen spielen sie sehr dynamisch und bringen das Livefeeling gut rüber. Jon Lords Hammond habe ich noch nie so rytmisch bei mir zu Hause gehabt, Joni Mitchell klingt, als würde sie im Raum vor einem stehen und es ist schon fast beängstigent, wie tief und trocken Ray Browns Kontrabass abgebildet wird.
Was die Box nicht so gut kann ist das letzte Quäntchen Feinzeichnung. Natürlich darf man den Preis der Bauteile nicht vergessen, aber das können andere besser.

Ich wurde oft gefragt, ob sie denn jetzt "der große Wurf" ist. Das kann ich nur mit einem absoluten "jein" beantworten. Mit der entsprechenden Musik macht sie mir unglaublich viel Freude, manchmal fehlt aber halt auch ein Stück zum Hörgück. Die Entscheidung muss jeder für sich selbst treffen.